Außergewöhnliche Nebenjobs: Schweißerei Daimler

 In BAStA, Studileben
In unserer neuen Reihe „Mein krasser Nebenjob“ stellen wir euch in unregelmäßigen Abständen interessante Jobs eurer Kommiliton*innen vor. Bei weitem nicht alle sind Hiwis oder arbeiten im Service, es gibt Industriekletterer, Models oder auch Straßenbahnfahrer. Zu Beginn unserer Reihe steht gleich ein bAStA-Redaktionsmitglied: Elena studiert im 4. Semester Germanistik an der Uni Mannheim. Neben dem Studium arbeitet sie als Schweißerin bei Daimler. Wie sie das mit der Klausurenphase vereinbaren kann, erzählt sie hier:
Was ist dein Job?
Ich arbeite als studentische Flexi-Pool-Beschäftigte bei der Daimler AG im Mercedes-Benz-Werk in Wörth am Rhein, dem größten Lkw-Montagewerk der Welt. Dort bin ich in der Teilefertigung des Rohbaus, genauer gesagt in der MAG-Schweißrobotergruppe 163.6 fest angestellt. Seit 2017 zähle ich von insgesamt rund 11.700 Mitarbeitern zu den 400 „Flexis“ am Standort Wörth. Kurz gesagt, ich bin Schweißerin.
Was macht ihn besonders?
Natürlich überkam mich zu Beginn die Skepsis, ob mir die Arbeit denn wirklich liegen würde und ob ich den Aufgaben auch gewachsen sei, denn als Studentin nebenberuflich in einer Schweißerei zu arbeiten, fällt doch aus der Reihe der gängigen studentischen Tätigkeiten. Als eine der wenigen Frauen unter Tausenden von Männern kommen eben schnell mal Unsicherheiten und Bedenken auf, mein quitschpinker Rucksack trug zudem auch nicht wirklich zu meiner Unauffälligkeit bei. Doch schnell lernte ich, Dinge anzugehen, die sonst nicht in meinen alltäglichen Aufgabenbereich fallen, mich an die ermüdende Schichtarbeit zu gewöhnen und dadurch erheblich über mich hinauszuwachsen. Wenn mich mein Wecker um 4:15 Uhr unsanft zur Frühschicht aus meinem Schlaf reißt, muss ich immer wieder mit einem Lächeln an viele meiner Altersgenossen und -genossinnen denken, die nach einer ausgelassenen Partynacht wahrscheinlich erst um diese Zeit zu Bett gehen, oder vielleicht noch mitten in ihrer Kneipentour stecken.
Was sind deine Aufgaben?
Zu den Hauptaufgaben meiner Tätigkeit zählen das Bestücken der Vorrichtungen mittels Bauteilen sowie das Durchführen von Nachschweiß- und Korrekturarbeiten an den von Robotern bearbeiteten Materialien. Hier werden vor allem diverse Cockpitträgervarianten für die unterschiedlichen Lkw-Modelle gefertigt, aber auch Vorbauklappen, Konsolen oder etwa Spannbänder. Grundlage hierfür ist das Beherrschen des Metall-Aktiv-Gas-Schweißens, kurz „MAG-Schweißen“, was mir im Rahmen eines intensiven Kurses im hauseigenen Schweißlabor vermittelt wurde. Daneben ist ein jeder und eine jede Beschäftigte für die Wahrung der Qualität durch das Durchführen qualitätssichernder Prüfanweisungen verantwortlich, wobei der Druck, für eventuelles unaufmerksames und fehlerhaftes Arbeiten selbst nach Jahrzehnten noch zu haften, die
Konzentration nur noch steigert. Demnach muss die Hausarbeit, deren Abgabedatum immer näher rückt oder die 100 Seiten begleitende Sekundärliteratur, die laut Dozenten natürlich für das Verständnis des Seminars absolut obligatorisch sind, für einen kurzen Moment ausgeblendet werden, damit der Arbeit vollste Aufmerksamkeit gewidmet werden kann, nach der diese auch stets verlangt.
Wie bist du zu dem Job gekommen?
In der freien Zeit zwischen meinem Abitur 2017 und dem anstehenden Studienbeginn im Herbst-Winter-Semester selbigen Jahres verbrachte ich bei Daimler als Ferienbeschäftigte mit einem befristeten Vertrag von sechs Wochen einen schönen (wenn auch sehr heißen) Sommer. Danach wurde mir direkt die Möglichkeit geboten, dort fest neben meinen Studium als studentische Hilfskraft zu arbeiten. Ein Angebot, dass ich natürlich dankend annahm.
Wie viele Studis arbeiten noch da?
Neben mir arbeiten noch vier weitere „Flexis“ in der Gruppe. Wenigstens hier sind die Frauen in der Überzahl, uns drei weiblichen Mitarbeiterinnen stehen nämlich „nur“ zwei männliche Studenten gegenüber. Innerhalb der Vorlesungszeit arbeiten wir zwei Tage die Woche, während wir unsere Semesterferien in Vollzeit dort verbringen. Sollte es bei uns jedoch mal stressiger werden, sodass wir gezwungen sein sollten, unsere Zeit und Energie vollends in die Uni zu stecken, in der
nervenaufreibenden Klausurenphase etwa, ist eine Woche Auszeit von der Arbeit auch kein Problem, streng nach dem Mantra, dass das Studium selbstverständlich vorgehe.
Warum würdest du den Job wieder annehmen?
Jederzeit würde ich den Job wieder annehmen! Ich bin dankbar für meinen außergewöhnlichen Tätigkeitsbereich in einer stark männerdominierten Branche, aber vor allem für den Stolz, der mich jedes Mal aufs Neue erfüllt, wenn wieder ein Fahrzeug vom Band in die verschiedensten Teile der Welt hinausgeht, zu dessen Produktion ich beitragen durfte. Die Chance, die mir dank meines Nebenjobs geboten wird, mein Fachwissen auszubauen oder mir spezifische Fähigkeiten überhaupt erst anzueignen und somit meinen Horizont in vielerlei Hinsicht zu erweitern, möchte ich nicht mehr missen. Mittlerweile ist der Job zweifellos ein fester Bestandteil meines Lebens geworden. Ich schätze es sehr, bereits während meiner Studienzeit eine (wenn auch kleine) Rolle bei einem der weltweit größten Automobilhersteller spielen zu dürfen, den spannenden Arbeitsalltag hautnah mitzuerleben und Organisationsprozesse aufmerksam zu verfolgen. Die Arbeit voller Sorgfalt, Akribie und Eifer, die ich stets bei meinen Kollegen und Kolleginnen bewundernd beobachtet habe,
wurde mir nahegebracht und weitergegeben. Ein Job, von dem sich also auch in Hinblick auf die Zukunft nur profitieren lässt, in einem Unternehmen, das nicht auf fünf-Sterne-Bewertungen  angewiesen ist, sondern dem ein Stern genügt.
Das Interview führte bAStA-Redakteur Christian von Stülpnagel
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